Das sächsische Wort des Jahres

Der 3. Oktober ist jedes Jahr reserviert. Nicht für den Tag der Einheit, der ist eher zufällig am selben Tag, sondern für die Verleihung des sächsischen Wort des Jahres.

Veranstaltet (produced?) wird das Ganze von der Ilse-Bähnert-Stiftung. Watt, wer? Ilse Bähnert? Das ist eine Figur (bzw. Künstlername) von Tom Pauls, einem sächsischen Kabarettisten, Komiker, Sänger, Musiker und was nicht alles, der z.B. auch Teil der Dresdner Gruppe “Zwinger Trio” ist. Tom Pauls ist zusammen mit Dr. Peter Ufer (Journalist, Linguist, Kabarettist) Laudator zum sächsischen Wort des Jahres. Seit die Position des dritten Laudators nicht mehr von Uwe Steimle gefüllt wird (der früher als Günter Zischong mit Ilse Bähnert auftrat), wechseln an dieser Stelle verschiedene Personen, die im weitesten Sinne etwas mit Sprache und Sachsen zu tun haben. Das Entscheider-Gremium zur Wahl des schönsten und des bedrohtesten Wortes (neben einer Publikumswahl zum beliebtesten sächsischen Wort) wird neben den zwei erwähnten Koryphäen ergänzt durch Sachsenradiomoderator Andreas Berger.

Aber zur eigentlichen Veranstaltung: Es werden jedes Jahr 3 Worte ausgezeichnet: das gefährdetste, das beliebteste und das schönste sächsische Wort. Die Verleihungen selbst werden eingebunden in eine Show deren Ausrichtung zwischen Kabarett, Revue und Theater wechselt wie Maiwetter. Für das beliebteste sächsische Wort des Jahres findet jährlich eine Ausschreibung statt, an der sich jeder Mensch per E-Mail (oder auch Brief) beteiligen kann. Besonders herausstechende Teilnehmer (aufgrund Originalität oder Anzahl Beiträge oder Ähnlichem) werden zur Gala eingeladen.

Was? Wörter sammeln? Und dann kostenlos der Verleihung beiwohnen? Yay, geht los.

Ich horchte also genauer hin, wenn sich mein Vater mit meinem Onkel unterhielt. Beide kommen “vom Dorfe” aus dem Dresdner Umland. Die potentiellen Kandidaten flogen nur so hin und her. Ich schrieb riesige Listen zusammen. Bei bestimmten Worten wurde im Familienrat diskutiert, ob das eine persönliche Erfindung wäre oder ob das auch außerhalb der Familie gebräuchlich sei. Binnen kürzester Zeit hatte ich 1 A4-Seite, 1 Serviette und 2 Bierdeckel beschrieben. Ich übernahm die Worte auf meinen Laptop und begann, deren sächsischen Ursprung zu prüfen. Ich musste erkennen, dass wir auch freudig Worte aus anderen Sprachräumen (norddeutsch, süddeutsch) verwenden. Häufig stehen die Worte auch im Duden, sind also eher gesamtdeutsch. Dafür führte ich für mich selbst eine neue Kategorie ein: deutsche Worte mit sächsischer Aussprache. Bei der offiziellen Verleihung gibt es diese Kategorie nicht, so daß in einem der letzten Jahre zum Beispiel “Däschtlmäschtl” ausgezeichnet wurde, was nur die sächsische Aussprache von “Techtelmechtel” darstellt, was deutsch ist (auch wenn es aus dem französischen kommt). Zusätzlich mussten die in den Vorjahren ausgezeichneten Worte gesondert markiert werden, man will ja nicht etwas einreichen, das schonmal da war.

Um den Überblick zu behalten, hatte ich meine Sammlung alphabetisch sortiert. Zusätzlich führte ich Themengruppierungen ein, da einige Themen einfach zu schöne Worte und Phrasen beinhalten, die im Gesamtzusammenhang ihre Wirkung noch besser entfalten, aber dazu später mehr.

Dann ging es also endlich an die Einreichung, die meist im Mai/Juni stattfindet. Ich habe aktuell im inzwischen 4. Jahr in Folge erfolgreich den Einsendeschluss verpasst. Meine umfangreiche Wortsammlung beläuft inzwischen auf ca. 150 Worte, von denen die meisten potentiell in Frage kommen. Jedes Jahr kurz nach der Einreichefrist bzw. vor und nach der Gala kommen ein paar neue Worte hinzu, wenn das Thema in der Familie “beladdscherd” wird. Was auch schon das nächste Problem skizziert: Die Schreibweise. Je nach Region (oder teilweise auch Dorf, Straße bzw. Haus oder sogar Etage) ergeben sich andere Schreibweisen, wenn man die Betroffenen bittet, ihr Kauderwelsch zu Papier zu bringen. Auch hierfür musste ich Regeln definieren (zumindest gibt es diese in meinem Kopf), wie ein Wort zur Aufnahme in meine Sammlung vom Klang in Buchstabenreihungen umzuwandeln ist.

Ein anderes alljährliches Highlight in Verbindung mit der Gala ist der Kartenvorverkauf. Jedes Jahr ist der Genuss der Veranstaltung nur durch einen Umstand gefährdet: Die Karten sind begrenzt und gehen weg wie warme Semmeln. Und das obwohl es maximal 4 Karten pro Käufer gibt.

Dieses Jahr war der Vorverkauf im März und gestaltete sich für meine Familie besonders problematisch: Wir benötigten 6 Karten, fanden aber keine zwei Personen, die diese koordiniert erwerben konnten: Mutti hatte einen Arzttermin, mein Bruder hatte ein frühes Meeting auf Arbeit, dem Vater traut man die Internetnutzung mit Kartenerwerb nicht zu, die Koordinierung (per Handy!) eines Direktkaufs in der SZ Ticketzentrale mit mir (am Laptop) ebensowenig. Es blieben also meine Frau und ich übrig und wurden mit der höchst verantwortungsvollen Aufgabe des Kartenerwerbs für 6 Personen betraut. Wir kamen sogar auf die Idee, uns vorher online jeweils ein Kundenkonto bei der SZ Ticketzentrale zu erstellen und konnten dann tatsächlich zum Verkaufsstart um 10 Uhr den Erwerb zügig in die Wege leiten. Wir wählten die gleiche Kategorie aus und bestätigten jeweils den Kauf. Yippieh.

Einige Zeit später kam die erste Lieferung (meine Bestellung über 4 Karten) an und wurde zur Seite gelegt. Wenige Wochen später fing meine Mutter an, unruhig zu werden, da sie die Karten gern zu Ostern verschenken wollte. Wir bemühten uns also, in unserem Riesenstapel geschenkter und geparkter Karten (gemischt mit Glückwunschkarten, Bildern, Briefen und Krimskrams nimmt dieser Stapel die Hälfte eines Regalfachs in unserer Schrankwand ein) die Gala-Karten für das Sächsische Wort des Jahres zu finden. Leider tauchte nur besagter Brief auf, die zweite Lieferung blieb verschollen.

Ein Telefonat mit dem Ticketservice ergab, dass bei der Bearbeitung wohl ein Fehler unterlaufen war und unsere Karten eventuell anderweitig vergeben worden waren. Die Karten sollten uns nun mit einem Anschreiben zugestellt werden, das uns als für diese Sitzplätze berechtigt ausweisen würde.

Zu Ostern wurden nun also nur die 4 vorhandenen Karten verschenkt. Kurze Zeit später erhielten wir tatsächlich einen Brief mit den fehlenden 2 Karten und einem Anschreiben, das neben einer Entschuldigung auch einen Hinweis auf unser Vorrecht für die beiden betroffenen Sitzplätze enthielt.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob jemand anders dieselben Karten erhalten hat und ob wir demjenigen dann vor Ort klar machen müssen, dass wir da sitzen werden. Es bleibt also spannend.

Zum eigentlich Inhalt dieses Beitrags: Sächsische Worte …

… komme ich heute leider nicht mehr. Mehr dazu ein ander Mal 🙂